Forschungsprojekt

Das Spannungsfeld Individualisierung und Vergemeinschaftung im Unterricht. Vergleichende videographisch-interpretative Unterrichtsforschung in Deutschland und Japan.

Projektleitung:
Prof. Dr. Maria Hallitzky

Mitarbeiter/innen:
Gereon Eulitz
Dr. Christian Herfter
Dr. Emi Kinoshita
Johanna Leicht
Susan Melzer
Dr. Iris Mortag
Karla Spendrin
Dr. Stephan Weser

Beschreibung:

"In der wertepluralistischen Gesellschaft gibt es zur Lebensform der mündigen, sich selbst bestimmenden und eigenverantwortlichen Person keine vernünftig begründbare Alternative. [...] Mündigkeit ohne sittliche Orientierung wäre bloß eine ungerichtete Energie, die positive Zufallswirkungen zustande bringt oder Katastrophen" (Schiefele 1993: 177). So formuliert gerät das Ideal der selbstbestimmten Person zum pädagogischen Imperativ der (globalisierten) Moderne (vgl. Uhle 1995). Dem steht gegenüber, dass sich Einzelne erst in einer differenzierten Gesellschaft als Personen konstituieren können. Zugleich fällt es schwer, Gesellschaft als das (logisch, nicht situativ oder ontogenetisch) ‚Vorgängige‘ zu begreifen, da sie nicht als (allen) Individuen äußerliche Entität gedacht werden kann, sondern immer nur als durch Individuen realisierte. Indem menschliche Tätigkeit als gemeinsame realisiert wird, werden zugleich eine bestimmte Sozialität sowie bestimmte Personen bzw. Individuen hervorgebracht, d.h. zugleich (re-)produziert und verändert. Diese ineinander verschränkten Prozesse kann man als Individualisierung und Vergemeinschaftung bezeichnen. Diese Verschränkung voraussetzend ist weder eine Verabsolutierung von Autonomieidealen noch potentiell vereinnahmenden Gemeinschaftsidealen (bzw. Totalisierungen) vertretbar. Damit sind genuine Ambivalenzen verbunden, z.B. eine gewisse ‚Ortlosigkeit‘ von Individuen durch die Notwendigkeit der Lösung aus Selbstverständlichkeiten partikularer Bindungen, die Notwendigkeit der Balance zwischen Vereinnahmung und Vereinzelung und das Spannungsverhältnis von Gemeinsinn und Konkurrenz, Anpassung und Abweichung. Im Projekt werden die oben auf allgemeiner, gesellschaftlicher Ebene beschriebenen Prozesse der Individualisierung und Vergemeinschaftung in Interaktionen im organisatorischen Rahmen des schulischen Unterrichts durch interpretative videographische Forschung untersucht. Hierbei wird jeder Unterricht insbesondere als Lehr- und Lernkultur, die sich stets durch zwischenmenschliche und gegenstandsgebundene Praktiken entwickelt, beobachtet. Mit Blick auf die benannten ethischen Ambivalenzen der Individualisierungs- und Vergemeinschaftungsprozesse wird zu reflektieren sein, welche Methoden und Methodologien geeignet sind, zugleich Bindungs- und Lösungsprozesse, Selbst- und Fremdbestimmung usw. sichtbar zu machen. Das Projekt erfolgt als interkultureller Dialog zwischen deutschen und japanischen Forschenden, der sowohl eine systematische Befremdung der eigenen kulturell gewachsenen Vorstellungen von Individualisierungs- und Vergemeinschaftungsprozessen als auch eine Verständigung auf Grundlage der gewonnenen Einsichten ermöglicht. Der Vorteil des Vergleichs liegt dabei auf zwei Ebenen: Erstens wird im Hinblick auf die beobachteten pädagogischen Praktiken und deren gesellschaftlich-kulturelle Einbettung und Gewordenheit eine (höhere) Varianz erzielt, die vermeintliche Selbstverständlichkeiten hinterfragen lässt. Zweitens wird auch die eigene wissenschaftliche Praxis (u.a. Erkenntnispolitiken, Methodologie, Methodik) ihrer Unhinterfragbarkeit beraubt. Der Vergleichspartner Japan ermöglicht es darüber hinaus, zu untersuchen, wie sich der oben beschriebene Imperativ in schulischer Lehr-Lern-Kultur in einem nicht durch die westliche Moderne geprägten Kontext zeigt. In Realisierung der Ziele des interkulturellen Dialogs werden videographierte Unterrichtsstunden aus Deutschland und Japan in der Kooperation mit der Hiroshima Universität bilateral interpretiert. Ausgehend von Mikroanalysen der unterrichtlichen Interaktion werden in der Interpretation relevant werdende Kontextinformationen und -dokumente hinzugezogen, die das Verhältnis von Individualisierung und Vergemeinschaftung vor dem Hintergrund kulturell unterschiedlicher Rezeptionen der modernen Pädagogik und Didaktik auf verschiedenen Ebenen erst verstehbar machen.

Finanzierung:

TG 51

Projektzeitraum:

01.04.2017 bis 31.12.2020


Zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 03. Mai 2018 08:59