Forschungsprojekt

Unterricht als polykontexturales Geschehen. Ein systemtheoretisch inspirierter Beitrag zu Theorie und Beobachtung von Unterricht. (Habilitationsprojekt)

Projektleitung:
Dr. Christian Herfter

Beschreibung:

Mit den „Fragen an die Pädagogik“ (Luhmann & Schorr 1982/1986/1990/1992/1996) begann eine Auseinandersetzung um die Systemtheorie in ihrer Anwendbarkeit auf Phänomene der Erziehung. Luhmanns Interesse – als Soziologe – richtet sich dabei auf das Wissen, das das gesellschaftliche ‚System der Erziehung‘ hervorbringt, wenn es sich selbst beobachtet und beschreibt. Diese Selbstbeschreibungen geschehen jedoch – anders als Luhmann dies entwirft – nicht (nur) von einem Ort innerhalb des Erziehungssystems aus. Sie sind vielmehr als hybride Strukturen zu verstehen, die sowohl einen inneren als auch äußeren Blick einnehmen (vgl. Kade 1999: 539). Entlang der gewählten Fremdreferenz lassen sich zwei Modi der Selbstbeschreibung unterscheiden: Erziehungswissenschaft und Pädagogik. Die Erziehungswissenschaft beschreibt Erziehung in rein wissenschaftlicher Logik. Die Pädagogik betont dagegen die Möglichkeiten des Protests und beschreibt das Erziehungssystem als Motor der Veränderung der Gesellschaft (ebd.: 539f.).

Spannend und herausfordernd sind daran zwei weiterführende Gedanken:

Erstens sind Beobachtung und Beobachtetes aneinandergebunden, d.h. Forschung und Gegenstand sind miteinander verschlungen (Nassehi & Saake 2002: 81; auch Balzer & Su 2016). Um dies analytisch zu berücksichtigen, muss man also fragen, wie Texte (z.B. transkribierte Unterrichtsgespräche, Theorien des Unterrichts, didaktische Handreichungen etc.) Kontexte erzeugen, um damit ‚ihr‘ Thema so darzustellen, wie es dargestellt wird (ebd.: 82). Diese Kontexte wirken dann wie Verweisungen auf eine äußere Welt, werden jedoch von den Beobachtenden selbst erzeugt - und sollen zur Abgrenzung als ‚Kontextur‘ bezeichnet werden. In anderen Worten: Die gewählte Unterscheidung erzeugt ein eigenes Universum und damit Freiheitsgrade und selektive Einschränkungen gleichermaßen. Unterscheidungen können folglich nur innerhalb einer gewählten Logik getroffen werden.

Damit kommen wir zum zweiten Gedanken: Luhmanns Entwurf einer Systemtheorie baut stark auf einer System/Umwelt-Differenz auf und hat so keine Instanz für eine Kopplung zweier Systeme (vgl. Jansen 2014). Ein System (wie z.B. die Wissenschaft) kann kein System in seiner Umwelt beobachten, sondern nur seine eigene Umwelt. Hybride oder gar mehrwertige Beschreibungen von Erziehungsprozessen sind mit diesem Theorieentwurf nicht möglich.

Im Forschungsprojekt soll der Frage nachgegangen werden, wie mit einer Umstellung auf die formallogischen Überlegungen Gotthardt Günthers (z.B. 1979) zur Polykontexturalität, diesen Herausforderungen begegnet werden kann. Für den ‚Unterricht‘ als Untersuchungsgegenstand, der systemtheoretisch als die „selektive Verkettung von Sinnmomenten, die aus der riesigen Menge der gesellschaftlich möglichen Kommunikationen eine rekonstruierbare Auswahl trifft“ (Hollstein u.a. 2016, S. 45) bestimmt wird, bedeutet dies das Folgende: Es soll untersucht werden, welche Problem- und Problemlösungskontexturen in einer bestimmten Situation entfaltet werden. Kontexturen sind in diesem Sinne Muster der Kommunikation, die „bewährte Rahmungen zur Verfügung [stellen], in denen die Kommunikation in längst vertrauten, sich selbst plausibilisierenden Figurationen voranschreiten kann“ (Vogd 2011, S. 123). In der Systemtheorie Luhmanns erfüllen solche Kommunikationsmuster spezifische Funktionen (Erziehung, Wissenschaft, Recht, Wirtschaft etc.) innerhalb einer funktional differenzierten Gesellschaft (vgl. Krause 2005, 43-54).

Dieser Bezug auf Kontexturen erlaubt es also zu untersuchen, „wie sich Einzelbeobachtungen in den Horizont von Strukturen des Gesellschaftssystems stellen lassen, wie sie sich letztlich als Folgen und Folgeprobleme gesellschaftlicher […] Kontexturen darstellen lassen“ (Nassehi & Saake 2002: 80). Zentral sind dabei zwei Gedanken: Erstens geht es um eine formallogische Beschreibung der Kontexturen als zweiwertige logische Räume, d.h. um die Rekonstruktion der Unterscheidungsmöglichkeiten sowie des leitenden Begriffs der Unterscheidung selbst (z.B. für die Wissenschaft: Wahrheit – wahr/unwahr). Zweitens wird davon ausgegangen, dass stets mehrere, unvereinbare logische Räume vermittelt werden müssen. Situative Bearbeitungen der Vermittlung, Hybridisierungen im o.g. Sinne, heben die Unvereinbarkeit nicht auf, sondern binden diese Unterscheidung zweiter Unterscheidungen in einem neuen logischen Raum, einer neuen Kontextur. Die Analyse folgt also den dynamischen Relationierungen und den Funktionsbezügen in der (unterrichtlichen) Kommunikation.

Ich schließe mit diesem Projekt an die soziologischen Analysen Werner Vogds und Till Jansens in Krankenhäusern und Aufsichtsräten sowie an verschiedene systemtheoretisch-informierte Unterrichtsanalysen (u.a. von Barbara Asbrand, Matthias Martens, Wolfgang Meseth, Frank-Olaf Radtke und Matthias Proske) an. Das Konzept der Polykontexturalität wird hier jedoch in eine eigentlich dokumentarisch angelegte und betriebene Forschung integriert. Ich schlage die Kontexturanalyse hingegen als eigenständige Methode der (Fach)Unterrichtsforschung vor, die sich mit der Engführung des Kontexturbegriffs in theoretischer und methodischer Hinsicht klar von anderen rekonstruktiven Methoden abgrenzen lässt und versuche, einen methodologischen und empirischen Beitrag zur kontingenzgewärtigen Beobachtung schulischen Unterrichts zu leisten.

Finanzierung:

TG 51

Projektzeitraum:

01.10.2019 bis 30.06.2021


Zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 06. Februar 2020 09:41